Ein paar Gedanken zur „Geschenkökonomie“

Sascha Lobo hat einen interessanten Beitrag geschrieben, in dem er begründet, warum er Flattr nicht nutzt. Wie durch die Titelwahl zu erwarten war, sieht er Flattr eher kritisch. Im Rahmen des Fazits begründet er aber, warum er dem Angebot dennoch Aufmerksamkeit schenken wird:

Das Experiment Flattr beobachte ich trotz der genannten Gründe wohlwollend, weil Blogs Geld verdient haben und deshalb verdienen sollen. Allein, um herauszufinden, ob Flattr und damit die Geschenkökonomie funktioniert, ist es sinnvoll, es zu tun; …

Es kommt mir beim Lesen vieler Blogs immer stärker so vor, als ob derzeit Viele das, was man Geschenkökonomie nennen könnte, mit einzelnen Plattformen/Anbietern wie Flattr gleichsetzen. Ich sehe diese enge Verbindung nicht. Für mich klingt das ein bisschen so, als wollte man bspw. den Sinn oder Unsinn des Social Webs nach den derzeitigen Funktionen einer einzelnen Plattform wie Facebook beurteilen. Vielmehr sollten wir uns im Social Web auf das konzentrieren, was wir eigentlich erreichen wollen. Konkret gesprochen sollten wir uns überlegen, was für ein Haus wir bauen wollen. Erst danach sollten wir uns für bestimmte Werkzeuge wie die Plattform X oder das Social Network Y entscheiden, wenn sie geeignet erscheinen.

Die uralten Zusammenhänge einer „Geschenkökonomie“ oder wie auch immer man das nennen möchte, finde ich faszinierend. Doch auch hier sollten wir nicht den Fehler machen, das große Ganze nach den bisher verfügbaren Plattformen mit all ihren Beschränkungen zu beurteilen. Vielmehr sollten wir uns auf die zugrundeliegenden menschlichen Bedürfnisse konzentrieren. Inwiefern Plattformen wie Flattr und Kachingle im Bereich einer „Geschenkökonomie“ geeignete Wege aufzeigen können, bleibt abzuwarten. Gesunde Skepsis ist angebracht. Schließlich nutzen wir heute eben Facebook und nicht mehr Friendster oder The WELL …

Eine Sache, die mir vor dem Hintergrund des großen Ganzen bspw. bei Kachingle besser gefällt als bei Flattr, ist, dass man bei Kachingle sieht, wer einen konkret unterstützt. Ich glaube, dass das besser der Motivation entspricht, die hinter dem „flattrn“ steht. Schließlich spenden die wenigsten von uns im „echten“ Leben völlig anonym. Vielmehr wollen wir als freiwillig Zahlende bzw. Spender zwar nicht unbedingt einen unmittelbaren monetären Rückfluss des Gegebenen, aber wir wollen dennoch etwas Wertvolles für die eigene Investition zurückbekommen: bspw. Ansehen/Reputation. Darum werden ja auch im „echten“ Leben alle möglichen Dinge wie Parkbänke öffentlich sichtbar „geflattrt“. Bei Kachingle können andere sehen, wen ich in welcher Höhe unterstütze, so ich meinen echten Namen angebe. Ich kann also unmittelbar meine Reputation beeinflussen, wodurch wiederum der Anreiz steigt, den Dienst zu nutzen.

Nach diesem etwas ziellosen Beitrag bleibt meinerseits nur das Fazit, dass ich auch gespannt bin, wie sich diese Plattformen vor dem Hintergrund unserer durchaus auf den Eigennutz gerichteten menschlichen Natur weiter entwickeln werden …

UPDATE: Martin Weigert merkt an: Bei Flattr kann man seit kurzem auch mit seinem Namen flattrn, lässt sich unter “Settings” > “Privacy” einstellen.

Bildquelle: hombertho (Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert))

  • Bei Flattr kann man seit kurzem auch mit seinem Namen flattrn, lässt sich unter „Settings“ > „Privacy“ einstellen.

    Persönlich bevorzuge ich jedoch anonymes „Bedanken“. Sonst entstehen schnell neue Zwangsituationen („der flattert mich die ganze Zeit, jetzt muss ich mich bei dem auch mal bedanken“). Aber da hat wohl jeder seine eigene Präferenz.

    • Danke für den Hinweis, Martin! Habe ich im Text ergänzt.

      Sowohl anonymes als auch öffentliches Bedanken haben ihren Wert. Von daher finde ich es folgerichtig, dass Flattr die öffentliche Variante als Option ergänzt.

  • Wenn wir weniger auf die aktuelle juristische Definition von „Geschenk“ schauen, sondern die Herkunft und Rolle innerhalb von Gruppen, zwischen befreundeten und / oder verfeindeten Gruppen, oben und unten, dann würden wir die sog. „Geschenkökonomie“ vielleicht auch nicht so gerne in den Mund nehmen … und als Lösungsansatz weniger präferieren.

  • Nicht jeder schenkt, um Anerkennung zu erhalten – da stimme ich Martin Weigert zu. Die Ethnologie kennt uns analysiert die Schenkökonomie übrigens seit langem (http://de.wikipedia.org/wiki/Schenk%C3%B6konomie), so ganz ohne Gegenleistung scheint es aber nie zu gehen im menschlichen Miteinander. Da ist Anonymität des Spenders doch manchmal sehr entlastend.

    @Leander: konnte man Deine Seite nicht mal kachinglen? Oder erinnere ich das falsch….

  • ok – ich hätte den Artikel von Sascha Lobo auch lesen sollen, dann hätte ich gemerkt, dass mein Link nicht wo wirklich neu ist :-(

  • Dankfunktionen gibt es in Foren schon seit langem. Dort gehört es zum guten Ton, dass der Name des Dankenden veröffentlicht wird.

    Bei Systemen, hinter denen Geld steht, mag sich der eine oder andere nicht öffentlich dazu stellen wollen (was sein gutes Recht ist).

    Weiterhin bin ich bei Hugo. Ich musste bei Flattr unnd Kachingle sofort an römische Klientel denken.

  • Pingback: Flattr, der Wert des Filterns und mentale Transaktionskosten()