Wie Anton Philipp Reclam um 1830 freiwilliges Bezahlen erfolgreich nutzte

Modelle des freiwilligen Bezahlens sind dank Flattr & Co. ja in aller Munde. Nachdem ich mit dem Radiosender KPFA schon auf ein Beispiel aus dem Medienbereich gestoßen bin, bei welchem Crowdfunding seit über 50 Jahren erfolgreich betrieben wird, habe ich nun ein weiteres interessantes Beispiel gefunden – diesmal aus dem Buchbereich. Der Gründer des Reclam Verlags, Anton Philipp Reclam, hat nämlich vor ca. 180 Jahren solch ein Modell erfolgreich genutzt. Hier muss ich kurz ausholen, um den Kontext zu skizzieren:

Anton Philipp Reclam wurde 1807 in Leipzig geboren. Im Jahre 1828 lieh sich der 21-Jährige 3.000 Taler von seinem Vater. Von dem Geld kaufte sich Reclam in Leipzig das Literarische Museum, eine Leihbibliothek mit Lesekabinett, und gründet einen eigenen Verlag („Verlag des literarischen Museums“). Erst später, 1837, nannte Anton Philipp Reclam seinen Verlag um in Philipp Reclam jun.

Diese Zeit war zugleich eine politisch bewegte. In den Jahren 1830/1831 kam es zum Novemberaufstand, dem ersten größeren Aufstand der Polen nach dem Wiener Kongress, der einen unabhängigen Staat Polen zum Ziel hatte. Sein Staatsgebiet hatte Polen durch die Polnischen Teilungen 1772, 1793 und 1795 an Russland, Preußen und Österreich verloren. Der Novemberaufstand scheiterte letztlich jedoch. Zu den Folgen ist bei Wikipedia nachzulesen: „Zahlreiche politische Emigranten aus Polen zogen durch Deutschland nach Westeuropa (‚Große Emigration‘). Insgesamt verließen etwa 50.000 Soldaten und Politiker das Land. Die meisten kehrten später nach Polen zurück. (…) Auf dem Weg nach Westen wurden die Aufständischen vor allem in Sachsen, Baden und Bayern herzlich empfangen. Es gab eine ‚Polenbegeisterung‘ und es bildeten sich vielerorts Polenvereine. Der Novemberaufstand wurde als Teil einer nationalen gesamteuropäischen Bewegung gesehen. Auf dem Hambacher Fest wurde neben der schwarz-rot-goldenen deutsche Fahne auch die weiß-rote polnische Fahne gehisst. Von den Studentenverbindungen wurde in der Folge die Pekesche als Teil der studentischen Tracht übernommen.“

In dieser Situation machte Reclam etwas, was uns heute sehr neu und modern vorkommt, was aber schon damals gut funktionierte. Ich zitiere aus dem Buch: 100 Jahre Reclams Universalbibliothek, 1867-1967, Reclam Verlag, Leipzig 1967:

Ein besonders glücklicher Griff gelang ihm mit dem Polengedicht „Die letzten Zehn vom viertem Regiment“ von Julius Mosen. Reclam war mit Mosen befreundet und verlegte auch sein Gedicht (…) Mosen (…) besang darin den Heldenmut und das tragische Ende des vor Warschau gefallenen vierten polnischen Regiments. (…) Reclam setzte keinen Preis für das Gedicht fest (…)

Diesen Werbetext veröffentlichte Reclam am 11.01.1832 im Leipziger Tageblatt:

Wir bestimmen keinen Preis. Auch der Pfennig ist uns willkommen, und wir werden redlich über die Einnahme Rechnung ablegen.

Reclam schaffte, was auch heute bei solchen Ansätzen das Ziel ist: Maximierung der Reichweite, während man gleichzeitig trotzdem Geld für die Sache verdient:

Das Gedicht wurde ein ungeheurer Erfolg. Binnen weniger Tage waren mehrere tausend Exemplare davon verteilt, und Reclam mußte immer neue Auflagen herausbringen. Wie ein Zeitgenosse erzählt, wurde in Leipzig, „wo man ging und stand, auf allen Wegen und Ecken das Lied gelesen“, und ein polnischer Oberst soll gesagt haben, daß „das Gedicht für die Sache der Aufständischen mehr wert gewesen sei als ein ganzes Regiment“. (…) das Gedicht war inzwischen vertont worden (…) Reclam nahm bis Ende Februar 1832 für „Die letzten Zehn vom vierten Regiment“ die beachtliche Summe von hundertsechs Talern ein und stellte sie dem Leipziger Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Polen zur Verfügung.

Zum Abschluss des Projektes zeigte Reclam mit einer Zeitungsmeldung vom 25.02.1832 abermals, wie klug er mit dem Thema und insbesondere mit der notwendigen Transparenz umging:

Bekanntmachung. 106 Thlr. 6 Gr. 1 Pf.+ als Einnahme für das Gedicht ‚Die letzten Zehn vom 4ten Regiment von J.Mosen‘ (…) habe ich an das Comité zur Unterstützung heimathloser Polen abgeliefert. (…) Dieser Pfennig wurde mir mit der Unterschrift: ‚Von einer armen Polenfreundin‘ übersandt; ich erwähne dieß nur deshalb, um zu beweisen, daß ich auch die kleinste Unterstützung dankbarst angenommen habe.