Matthias Ulmer beschreibt, was die „Internetgemeinde“ sein soll

Matthias Ulmer ist Geschäftsführer des Eugen Ulmer Verlages und er ist Vorstandsmitglied des Verlegerausschusses des Buchbranchen-Verbandes Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wo er sich laut The European schwerpunktmäßig mit dem Thema Digitalisierung und dem Dialog mit Bibliotheken befasst.

In Reaktion auf diesen Blog-Beitrag hat Matthias Ulmer in den Kommentaren dankenswerterweise etwas getan, was sonst nie getan wird. Er verwendet den ominösen Begriff „Internetgemeinde“ nicht nur, er beschreibt ihn auch:

Die Internetgemeinde ist ein Begriff wie so viele, etwa “die Konservativen” oder “die Jugend”, die “Traditionellen Milieus” oder “die Kleingärtner” etc. Wenn ich in diesem Sinne die Internetgemeinde beschreiben sollte, dann würde ich sie zwischen heise-online und gulli, zwischen den Piraten und Online Games verorten, natürlich einschließlich aller Blog-Autoren!

Ich vermute, dass viele Leute, die solche Begriffe verwenden, ein ähnliches Bild im Kopf haben. Das wiederum ist aus meiner Sicht ein Problem, welches sich in vielen Diskussionen rund um das Internet zeigt. Welchen Wert hat eine Abgrenzung danach, ob jemand bloggt? Wie aussagekräftig wäre es, von Briefschreibern oder der „Zeitschriftengemeinde“ als sozialer Gruppe zu sprechen? Und wo fängt bloggen an – was ist mit Twitter oder Xing-Statusupdates? Außerdem finde ich es problematisch, im Internet aktive Leute automatisch in die Nähe von gulli.com und der Piratenpartei zu rücken. Meinem Gefühl nach entspricht das aber dem Bild, welches in vielen Köpfen derer herumgeistert, die von „Internetgemeinde“ u.ä. sprechen.

Wäre es nicht mal sinnvoll, dass wir diese Wortwahl überdenken, weil solche Schubladen mehr schaden als dass die nützen? Sollten wir nicht den im Internet Aktiven einen Differenzierungsgrad zugestehen, wie wir ihn auch in anderen Lebensbereichen einfordern? Wäre das nicht der erste Schritt hin zu einem konstruktiven Austausch und einer ernsthaften Argumentation, wie sie sich ja auch Matthias Ulmer hier in den Kommentaren wünscht?

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  • Das ist dringend notwendig! Allein schon beim Gedanken daran, in die Nähe der Piraten gerückt zu werden, kriege ich Gänsehaut. Aber die schlimme.

  • Genau das meine ich :)

  • Matthias Ulmer

    Sorry, die Blog-Schreiber hab ich nur zum Spaß dazu geschrieben, weil ich ahnte, dass Sie darauf los gehen. Ist natürlich Nonsens.
    Ernsthaft: ich habe eine Definition im Stil der Milieus versucht, also die Gruppe als Menschen mit gemeinsamen Werten definiert. Solche Werte werden von uns aus dem Bauch heraus mit Heise, Gulli oder Piraten verbunden. In diesem weitestgehend abwertenden Sinne wird der Begriff der Internet- Gemeinde ja auch meist in den Medien verwendet. Das Problem beginnt dort, wo man sich selbst in Beziehung zu so einer Gruppe setzt. Grundregel bei Sinus-Milieus: Verwende die Definition nie auf dich oder Freunde, da die systembedingte Vereinfachung immer für Verärgerung sorgt. Dennoch ist die Vereinfachung für zahlreiche Beschreibungen hilfreich. Wenn man sich also nicht selbst dazu zählt, dann ist das schon sinnvoll.

  • Da können Sie sehen, wie ernst ich Ihre Worte nehme. Beim aktuellen Stand der Diskussion muss man ja aber leider noch immer fürchten, dass sowas kein Scherz ist. – Der Rest der Einordnung ist mir aber dennoch zu schief. Damit stärkt man gerade die Stimmen im Internet, die am lautesten schreien, wobei ich vermuten würde, dass gerade diejenigen, die von „Internetgemeinde“ o.ä. sprechen, speziell diesen Stimmen besonders kritisch gegenüber stehen.

  • Matthias Ulmer

    OK, also Spaß beiseite. Ich denke, die meisten können schon klar differenzieren zwischen Kollegen etc die ihren Lebensunterhalt mit dem Internet verdienen oder sich einfach intensiv damit befassen, und denen, die daraus eine Religion machen wollen. Letztere, die sich sektenhaft verhalten, sich für die Zukunft halten, die andere dem Untergang geweiht sehen, die das Internet als gesellschaftliche Revolution feiern, dem sich alles, gesellschaftliches Leben, politisches System, Rechtsprechung etc. anzupassen haben, diese gehen doch vielen mächtig auf den Keks. Und mit denen haben wir in Foren zu Open Access, zu Google, zu DRM, zum Urheberrecht, zur Kulturflatrate, zur Vorratsdatenspeicherung usw. eben dauernd zu tun. Insbesondere Herr Sprang, der natürlich als Justiziar dann immer beliebte Zielscheibe von Angriffen ist, nur weil er eben der juristische Pressesprecher des Verbandes ist.
    Da muss es auch erlaubt sein, dass man sich ganz sportlich freut, wenn die Internet-Gemeinde oder -Sekte eins auf die Mütze kriegt. Ist ja umgekehrt nicht anders.

  • Mehr Grautöne täten der Sache allgemein gut – auf beiden Seiten. Ich war z.T. auch schon recht genervt von der Web-Szene:
    http://leanderwattig.de/index.php/2010/08/14/gedanken-zu-appellen-der-web-szene-und-deren-wirkung/

    Auf der anderen Seite haben auch immer alle eine Meinung zu Netzthemen – vielfach ohne eigene Kenntnis der Plattformen. So ist am Ende ein Dialog oft gar nicht möglich und es werden nur vorgefertigte Meinungen ausgetauscht.

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  • Jens Best

    Solange soviel machtversessene Arroganz und Dummheit u.a. aus dem Börsenverein herausquillt, muss das freie und offene Web vor den reaktionären Kräften einer überkommenen Gesellschaftsform geschützt werden. Dialog setzt die Bereitschaft zum Kompromiss voraus, diese ist bei den Besitzstandswahrern nicht zu erkennen.

    • Matthias Ulmer

      Klasse, das ist mein Lieblingskommentar des Monats!
      Sie müssen die Inkarnation der Internetgemeinde sein!

  • Jens Best

    @Matthias Ulmer

    Ihre Antwort zeigt, dass eben nicht jeder Dialog aktuell Sinn macht (trotzdem gut, dass du es versucht hast, Leander). Sie sind augenscheinlich unfähig grundlegende Kritik anzuerkennen, ihre Herrschaftsdoktrin ist nach einigen wenigen Jahrzehnten der Dominanz an seine Rechtfertigungsgrenzen gestossen. Das ist als systemisch geprägtes Individuum schwer anzuerkennen ohne sich selbst in Frage zu stellen. Deswegen ist es verzeihlich, wenn sie die üblichen Symptome der verkommen Machtkaste und deren Hausdiener zeigen, die denn Wandel (und die dazu notwendige Kompromissbereitschaft) ablehnt. Zum Glück hat aber einiges Bestand – Hochmut kommt immer noch vor dem Fall.

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