Geschäftsmodelle vom Ergebnis her denken: Publikums-Verlage als Erlebnis-Agenturen

Viele Geschäftsmodelle, die ich interessant finde, sind vom Ergebnis her gedacht. Siri versteht sich nicht als Suchmaschine, bei der die Recherchelast bei mir als Nutzer liegt, sondern als „do engine„, die über APIs gesteuert mein Problem direkt löst. Ich sage einfach, dass ich ein gutes Restaurant für 3 Personen an Ort x zur Zeit y suche und Siri erledigt die Sache. Auch Apps wie MyTaxi funktionieren so ähnlich. Gewissermaßen als „do engines“ fungieren auch zunehmend Fachverlage wie Haufe und andere, die sich mittlerweile weniger als Verlage denn als Problemlöser verstehen, die Softwarehäusern gleichen. Auf welchem Wege und mit welchen Mitteln das Problem des Kundens gelöst wird, ist dabei absolut zweitrangig.

Was aber ist mit Publikumsverlagen, die weniger Nutzwertiges verlegen? Bei ihren Kunden, den Buchkäufern, gibt es meist kein so leicht sachlich abgrenzbares Problem, das zu lösen wäre. Doch geht es hier wirklich um das Buch ansich? Ich glaube nicht. Im Endeffekt erzeugen gute Bücher bei der Lektüre besondere Erlebnisse, welche die Kundenerfahrung prägen. Genau diesen Ansatz kann man ebenfalls vom Ergebnis her denken. Daher muss ich in diesem Zusammenhang immer wieder an einen Film denken, den ich vor ca. 10 Jahren gesehen habe: „The Game“ mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Dort gibt es ein Unternehmen, welches seinen Kunden anbietet, Personen in Spiele zu verwickeln, bei denen die Grenzen zwischen der Spiele- und der normalen Alltagswelt verschwimmen, wodurch sie umso stärker wirkende Erlebnisse erzeugen:

(…) ein geheimnisvolles Geschenk: ein Spiel, das von der Firma Consumer Recreation Services (CRS) angeboten wird und sein Leben verändern soll. (…) Auf der anschließenden Geburtstagsparty von Nicholas stellt sich heraus, dass die gefährlichen Abenteuer von CRS bis ins kleinste Detail geplant waren. Auch die Waffe, mit der Nicholas auf seinen Bruder geschossen hatte, war manipuliert. Sein Vermögen ist nach wie vor unangetastet – das schreckliche Geschehen war tatsächlich nur ein Spiel.

Das wäre sicher ein interessantes und attraktives Modell für etliche Publikumsverlage. Wenn man ein Geschäftsmodell von dieser Warte aus entwickelt, wird auch sofort deutlich, dass es nicht um bestimmte Medienarten wie Bücher geht, sondern um alles, was im konkreten Fall notwendig ist, um ein angestrebtes Erlebnis zu erzeugen.

Belletristik-Verlage wie Hoffmann und Campe setzen ja schon heute auf Spiel-Effekte, bisher aber primär, um gedruckte Bücher zu bewerben, die nach wie vor die wichtigste Erlösquelle sind. So hat die Agentur vm-people vor kurzem im Auftrag des Verlages ein ARG (Alternate Reality Game) names „Unberührbar“ entwickelt, mit dem ein weitgehend unbekannter Titel ins Gespräch gebracht werden sollte:

Bei einem ARG haben die Teilnehmer die Möglichkeit, mit Haut und Haaren in eine Geschichte einzutauchen und die Figuren aus einem Buch live zu erleben. (…) Anders als bei konventioneller Ankündigungswerbung über Printanzeigen und Plakate, sollte „Cagot“ über die Verbreitungswege von Social Media den Weg zum Leser finden. Frei nach dem Motto: eine Geschichte mit einer Geschichte vermarkten!

Ich könnte mir vorstellen, dass das Geschäftsmodell des heutigen Verlagsdienstleisters vm-people zukunftsträchtiger ist als das vieler Verlage selbst, deren Produkte heute auf diesem Wege noch beworben werden.

Neu ist das ja alles nicht. Vor gut einem Jahr wurde bspw. im Filmbereich auf sehr interessante Weise versucht, den Kinobesucher direkt in die Geschichte einzubeziehen und dadurch dessen Erlebnis zu intensivieren:

(Video, 3 min.)

Der Gedanke wurde auch hier weiterentwickelt, um Kinoerlebnisse als Real-Life-Spiel auf die Straße – ins „Outernet“ – zu transportieren:

(Video, 1:20 min.)

Ich meine auch, dass ich irgendwann mal etwas von einer Agentur gelesen hätte, bei der man für andere Leute Erlebnisse im Alltag buchen konnte – in verschiedenen Extremheitsgraden. Kennt da jemand einen Anbieter? Wer kennt andere interessante Beispiele für Real-Life-Games?

UPDATE – interessante Plattformen:

needaproblem.com (via Kerstin Hoffmann)
Gidsy (via Joerg Leupold)

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  • Hallo Leander,

    sehe ich ähnlich und halte die Entwicklung für durchaus spannend, wobei mir das in vielen Fällen persönlich schon zu aufregend ist – aber natürlich für die Buchbranche eine sehr spannende Interpretation von Buchinhalten bietet!
    Wir von LovelyBooks arbeiten schon seit einem Jahr mit VM-People zusammen und haben mit ihnen unter anderem schon ein ARG zu „Der Augensammler“, dem letzten Thriller von Sebastian Fitzek betrieben, die Communitymitglieder spielten hierbei Teile des Romans nach, darin ist die Agentur schon fast beängstigend gut (ich spreche aus Erfahrung – mir hing das Herz in der Hose, als ich letztes Jahr mit der Taschenlampe bewaffnet deswegen in einem verfallenen Kinderkrankenhaus unterwegs war).

    Eine wirklich tolle Entwicklung, die natürlich dank Internet und der Vernetzung von Informationen auch noch sehr viele Möglichkeiten bereit hält. Allerdings bin ich ehrlich gesagt privat deswegen oft froh, wenn es weniger atemberaubend zu geht und ich ein Buch einfach so für sich genießen kann. Und die Vorstellung, dass jemand für mich ein Spiel a la „The Game“ bucht, ist weniger positiv, bei mir ist glücklicherweise mein richtiges Leben bereits aufregend genug!

    LG Karla

    • Hallo Karla, der Vorteil solcher Ansätze ist, dass sie sich nicht so leicht raubkopieren lassen. :) Stimme Dir zu, dass man nicht immer in Stimmung für sowas ist und sich auch mal einfach zurücklehnen will. Auf der anderen Seite gibt es noch zu wenig Angebote für den Fall, dass man wirklich was Spezielles erleben möchte, das gezielt nicht vorhersehbar ist. Bin gespannt, auf welche Ideen die Leute da noch so kommen werden. VG Leander

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  • Markus Klose

    Hallo,
    die Zukunftsträchtigkeit einer Marketingagentur mit der eines Publikums- Buchverlages zu vergleichen ist wahrscheinlich keine ganz leichte Übung.

    Basis unser aller Tuns ist der sogenannte Content. Den muß es zuerst einmal geben. Auswählen, zusammenstellen, lektorieren, schmücken, bauen, vertreiben und eben vermarkten: genau das machen Buchverlage. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Inhalt dann in Stein geritzt, gedruckt, vorgelesen, später verfilmt oder digital zur Verfügung gestellt wird. Es muß eben die Form sein, die dem jeweiligen Text entspricht.

    Und das gilt auch für die Art der Vermarktung. Ein ARG kann eine Möglichkeit sein, vm-people machen das hervorragend, aber es ist eben nur eine. Ohne die Geschichte jedenfalls kann keine zweite entwickelt werden.

    Ich glaube ganz an die Zukunftsfähigkeit des Buchverlegens. Und an die des Buches erst recht.

    Überzeugte Grüße,
    Markus Klose

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