Was ich mir nicht vorstellen kann, passiert auch nicht – oder doch?

Ich finde es witzig, dass für die Begründung von Zukunftsbeschreibungen immer wieder die eigene Vorstellungskraft herangezogen wird. Das liest man immer wieder. Hier ein Beispiel, das mir zuletzt über den Weg gelaufen ist:

Das Börsenblatt fragt den Buchregal-Bauer Jan Paschen nach seiner Meinung dazu, ob er auch in 20 Jahren noch Bücherregale bauen wird? Seine Antwort:

Ich gehe ganz klar davon aus, dass wir auch in 20 Jahren Bücherregale bauen werden. (…) Eine Welt ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen.

Ebenfalls typisch bei diesem kleinen Beitrag ist, dass die Antwort an der Frage vorbei geht. Natürlich wird es auch in 20 Jahren noch papierne Bücher und den Wunsch, sie ordentlich zu lagern, geben. Fast keine Technik verschwindet völlig. Auch heute werden noch Schwerter geschmiedet und es werden Dampfmaschinen gebaut. Es wandelt sich aber durchaus die (wirtschaftliche) Bedeutung von bestimmten Techniken. Es wird also mit Sicherheit auch in Zukunft noch Leute geben, die sich Bücher aus Papier kaufen und diese sammeln. Das unterstreicht ja auch Paschen kräftig. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, dass es genug Leute sein werden, um als buchregal-produzierendes Unternehmen in der heutigen Form von ihnen leben zu können. Dieser Aspekt kommt überhaupt nicht zur Sprache.

So liest man auch 2011 noch immer beständig Beiträge aus der Buchbranche, die sich vordergründig mit dem Medienwandel auseinandersetzen, aber letztlich keinen Schritt weiterführen.

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  • MR. MOSSBERG: What about the whole idea of people reading on a screen? Just as other kinds of media, like newspapers, see a line of growth for digital and decline for physical, is that going to happen in books?

    MR. BEZOS: Over some time horizon, books will be read on electronic devices. Physical books won’t completely go away, just as horses haven’t completely gone away.

    […]

    MR. MOSSBERG: When I did my Kindle column, I got quite a lot of email from people who were talking about the tactile feel of the book — the hard-to-describe intangibles around reading a paper book that you lose on an electronic device.

    MR. BEZOS: I’m sure people love their horses, too. But you’re not going to keep riding your horse to work just because you love your horse. 

    http://online.wsj.com/article/SB121261272441346269.html

  • Abseits dieses konkreten Falls: Aber NATÜRLICH stellen sich Menschen die Zukunft primär als Interpolation des Jetzt aufgrund ihres eigenen Weltbilds und ihres Erfahrungsschatzes vor. So funktioniert nun einmal „Mensch“. Tatsächlich ist dieser Mechanismus evolutionsbiologisch auch sinnvoll. 

    (1) Die damit erzielbaren Ergebnisse waren über 98% der Menschheitsgeschichte völlig OK.
    (2) Jede andere Methodik hätte in dieser Zeit kaum zu besseren Ergebnissen geführt und wäre viel aufwendiger gewesen.

    Ich bin mir zudem sicher, dass auch die, die sich über „soviel Naivität“ amüsieren, Glaubensbekenntnisse haben, von denen sie sich nicht vorstellen können, dass künftige Menschen da anders drüber denken – und wenn das so wäre, wäre es doch furchtbar, nicht wahr? ;-)

    • Amüsiert darüber hat sich hier niemand, soweit ich das überblicke. :)

      Es geht ja nicht um „Naivität“, sondern um das Bewusstsein der Grenzen der eigenen Vorstellungsmöglichkeiten, das bei solchen Aussagen zur Vorsicht rät.

      Daher versuche ich auch, nicht allzu viele eigene Glaubensbekenntnisse breitzutreten. Bin mir aber nicht sicher, ob das gelingt. :)

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