„Verlag as a service“? – Viele Autoren sind unzufrieden mit ihrem Verlag

Der Buchreport weist auf eine Umfrage hin, bei der der französische Literaturverband Société des Gens de Lettres de France 1.000 Autoren nach ihrem Verhältnis zum Verlag befragt hat:

Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich stehen Verlage unter großem Druck, angesichts der Konkurrenz durch Selfpublishing-Angebote ihre Autoren bei der Stange zu halten. Eine Umfrage zeigt, dass jeder dritte Autor unzufrieden mit seinem Verlag ist, Tendenz steigend. Neben Mängeln bei Vertrieb und Marketing beklagen sich die Autoren über Intransparenz und schlechte Kommunikation.

Interessant ist, dass die Autoren gerade mit der „kommerziellen Verwertung“ unzufrieden zu sein scheinen, die ja in der Regel als Hauptargument pro klassischen Verlag angeführt wird:

Besonders bei der „kommerziellen Verwertung“ ist die Unzufriedenheit groß: Aktuell liegt der Anteil bei 63% (2011 allerdings noch bei 67%). Auch bei der Bewerbung von Büchern ist der Anteil mit 66% (2011: 69%) vergleichsweise hoch.

Hintergrund dürfte sein, dass jenseits der Bestseller-Autoren die Unterstützung meist wesentlich bescheidener ist. – Bemängelt wird auch das, was einen Dienstleister eigentlich auszeichnen sollte:

Intransparenz, schlechte Kommunikation: Beklagt wird auch die Tatsache, dass die Statistik zu den Verkaufszahlen – falls sie überhaupt dem Autor übermittelt wird – fehlt oder für den Autor unklar ist

Soweit zur Situation in Frankreich. Doch auch in Deutschland wächst der Rechtfertigungsdruck. Ein vielleicht nicht ganz untypisches Beispiel: Vor ein paar Wochen tauschte ich mich auf Facebook mit Tanja Pleva aus. Diese hat zwei Bücher bei Piper veröffentlicht und inzwischen die Nase voll:

Bin Autorin und habe mich von meinem Verlag getrennt, wegen unüberbrückbarer Schwierigkeiten . Nun bin ich sozusagen „alleinstehend“, habe auch kein Interesse mehr meine Rechte an einen Verlag abzugeben, der eh nichts für einen macht. Beginne also gerade mich auf dem Neuland Internetwerbung etc. umzusehen für mein neuestes Buch, was es zurzeit nur als E-book gibt.

Auch sie bemängelt u.a.:

  • Intransparenz
  • Fehlende Werbemaßnahmen
  • Mangelnde Unterstützung bei eigenen Werbemaßnahmen

Konkret:

Na klar, ich kann Ihnen ja mal meinen Fall schildern. Also, wie Sie wissen, gibt man ja an einen Verlag alle Rechte ab…Einem sind die Hände gebunden. Das erste Buch „Gottesopfer“ lief noch recht gut, es wurde in vorablesen eingestellt, man versprach mir, Werbung zu machen in div. Zeitungen, wovon ich nie etwas Reelles gesehen habe, angeblich war es aber in DB und Buch Aktuell drin…Es sollte noch in der WELT etc. kommen…Nichts geschah…Das zweite Buch Totenpech wurde fertig gemacht…Da passierte nichts mehr…keine Werbung…aber wirklich gar nichts mehr. Dann meldete sich eine Pressefrau von der Bild, Bunten etc. bei mir…sie würde gerne einen Artikel schreiben…Na klar, dachte ich…Klasse…Sie rief beim Piperverlag an…Und die fragten sie…wer sie eigentlich sei…Tja, ein Buch schickten sie ihr auch nicht, woraufhin ich beim Verlag anfragte…was denn da abgeht? Es wird keine Werbung gemacht und keine angenommen, sondern noch vergrätzt?
Piper schrieb mir dann einen langen Brief…man bedenke, das Buch war nicht mal einen Monat draußen…Ja, der schlechte Verkauf würde wohl an mir liegen etc. ….Also unmöglich…Ich bat anschließend um eine Auflösung der Verträge, weil so eine Art der Zusammenarbeit für beide Parteien ja nichts bringen würde. Ich weiß bis heute nicht, was gedruckt wurde, bekomme keine Infos…Naja und deshalb habe ich das dritte Buch alleine gestartet….Es wird gerade in Engl. und Spanisch übersetzt.

Wer die genauen Hintergründe nicht kennt, kann solche Einzelfälle letztlich nicht beurteilen. Ich nehme nur wahr, dass hier ein unzufriedener „Kunde“ geschaffen wurde. Es ist zudem auch unwahrscheinlich, dass Tanja Pleva nun der totale und krasse Ausnahmefall ist. So führt jeder Fall dieser Art dazu, dass sich ein weiterer Verlagsautor neuen Wegen zuwendet, sobald diese ausreichend gangbar sind, was ja inzwischen in vielen Bereichen der Fall ist.

Doch auch in der Außenwahrnehmung werden viele Verlage ihrem Dienstleisterstatus heute noch nicht umfassend gerecht, wobei ich jetzt eher an Publikumsverlage denke. Hier im Blog habe ich ja schon öfter darauf hingewiesen:

Auch wenn sich die Verlagswelt nicht über Nacht wandelt, so wächst doch der Rechtfertigungsdruck auf die Verlage, warum denn nun gerade das Dienstleistungsbündel, wie sie es schnüren, das beste für den betreffenden Autor sein soll. Das ist durchaus neu. Ein schneller Blick auf die Websites einiger Buchverlage reicht, um zu sehen, dass diese sich bisher nicht wirklich als Dienstleister begreifen. Entsprechend intransparent bleibt das Leistungspaket für Außenstehende. Buchverlage hatten es bisher einfach nicht nötig, gegenüber dem Durchschnitts-Autor zu werben.

Folgende Dinge u.a. auf der eigenen Website kenntlich zu machen, wäre für einen Dienstleister eigentlich normal, man sieht es aber kaum:

  • Herausstellen des eigenen USP und der eigenen Vision
  • Transparenz bzgl. Leistungsspektrum
  • Transparenz bzgl. eigenen Wünschen/Anforderungen
  • Referenzen (auch bzgl. Buchhandlungen, Social-Media-Präsenz, …)
  • Eigene Rolle in relevanten Communities sichtbar machen
  • Beispielhafte „Arbeitsproben“, v.a. auch zu Hybrid-Publishing-Modellen
  • Sichtbarkeit und Erreichbarkeit/Ansprechbarkeit der Mitarbeiter
  • Schnelle Kommunikation und Reaktionen
  • Einfache Kündbarkeit der Vertragsbeziehung für Autoren
  • Besser sein als die (eigenen) Autoren auch auf neuen Feldern

Wie dienstleistungsorientiert Verlage agieren können, wenn sie wollen, zeigt Random House mit seiner neuen Corporate-Publishing-Tochter CustomBooks, die ja nichts anderes ist als ein Self-Publishing-Dienstleister – nur für Unternehmen:

Die 48-Stunden-Idee – Wir freuen uns, dass Sie unseren 48-Stunden-Service in Anspruch nehmen. Gerne machen wir Ihnen innerhalb von 2 Werktagen Vorschläge für Bücher, die zu Ihrem Unternehmen oder zu einem bestimmten Anlass passen.

Natürlich ist aber nicht alles schlecht. Nach und nach reagieren die Verlage und bauen ihr Dienstleistungsangebot aus:

Doch zumindest die großen Verlage rüsten statistisch auf. Nach Simon & Schuster hat auch Random House am gestrigen Montag (12. März 2012) ein „Author Portal“ eröffnet. Der im eigenen Haus entwickelte Webservice biete tausenden Autoren und Illustratoren Zugriff auf ihre Abverkaufszahlen (wöchentlich aktualisiert, nach Verkaufskanälen und Format differenzierbar), Honorare und Nebenrechte-Deals von Backlist- und Frontlist-Titeln, meldet der US-Verlag.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine aktuelle Umfrage der Leipziger Buchmesse: Autoren achten auf persönliche Betreuung, professionelle inhaltliche Arbeit und Verlagsimage

All das wollen wir auf dem AutorenCamp im Rahmen der Leipziger Buchmesse diskutieren – dem ersten BarCamp speziell für Autoren (aller Art). Veranstaltet wird es von Franz Patzig und mir.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von striatic

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  • Delinquenta

    Ich bin grad irgendwie ganz froh, dass ich bei dem Verlag dann doch nicht genommen wurde :-).
    In einem regen Emailverkehr mit einer bekannteren Autorin habe ich auch einige Einblicke in den Umgang Verlag- Schreiberling bekommen. Selbst wenn man gut verkauft, wird man nicht unbedingt besser informiert….traurig. 

  • Kermes

    „Bemängelt wird auch das, was einen Dienstleister eigentlich auszeichnen sollte:
    Intransparenz, schlechte Kommunikation“

    Haha!! sehr gut!!
    Aber danke für den informativen Beitrag!!

  • Birte Huizing

    Das Thema: Wie gehen Verlage mit Ihren Autoren um, scheint definitiv Trend zu sein. Ich habe gestern dazu hier gebloggt: http://lesensmittel.com/2012/03/13/der-autor-als-community-manager/ Und ja, Verlage reagieren, aber eher als Hilfe zur Selbsthilfe. Workshops zur Selbstvermarktung hab ich zumindest noch nicht als Verlagsangebot gesehen. 

    • „Workshops zur Selbstvermarktung hab ich zumindest noch nicht als Verlagsangebot gesehen.“

      Gibt es schon vereinzelt. Da muss aber noch mehr kommen.

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  • Nele S.

    Und im nächsten Beitrag wirst du ja sicher auch mal die andere Seite zu Wort kommen lassen, nicht wahr? Schließlich heißt deine Initiative ja „FÜR eine bessere Vernetzung in der Buchbranche“ – da wäre es doch schön, wenn sich auch die Verlage zu dieser Thematik (und vor allem der explizit angesprochene) äußern dürfte. Büschen arg einseitig das ganze…

    • Ich hoffe mal, dass die Autorin keine rechtlichen Probleme mit dem Verlag bekommt. Die Schilderung liest sich übrigens wie eine private Nachricht, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt ist. Missverständnis?

      • Wie Sie sich denken können, habe ich das Einverständnis von Tanja Pleva erhalten, ehe ich das gepostet habe.

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  • Charlotte R.

    Dienstleister werden in der Regel auch für ihre Dienste bezahlt. Verlage zahlen Autoren jedoch in der Regel einen Vorschuss und gehen mit Lektorat/Presse/Werbung erst mal in Vorleistung. Das Marketingbudget ist vor dem Verkaufserlös der Bücher entsprechend knapp bzw. nicht vorhanden und wenn das Buch floppt, wird der Autor für die entstandenen Unkosten trotzdem nicht zur Kasse gebeten. So schlecht scheint mir das Modell für den Autor nicht zu sein …

    • Peter Bramboeck

       Da fehlen noch die Herstellkosten als Hauptbestandteil der Vorleistung, nämlich je nach Buchtyp und -umfang ca 20-25% vom LP; da sind im Hardcover leicht 15-25.000 Euro beisammen. Ich muss es immer wieder sagen: Auch (und gerade) in erfolgreichen Verlagen finanzieren ca. 20% der Produktion den Rest des Programms, und so entsteht die literarische Vielfalt, an der wir alle unsere Freude haben und die manch neuem Autor zum gedruckten Buch verhilft

  • Didikol

    Dienstleister werden bezahlt! Vollkommen richtig. Der Verlag bezahlt sich selber. Der Handel verkauft ein Buch zb. fuer 10,00 Euro. Enthalten sind saemtliche Kosten zur Herstellung, dem Vertrieb, Lektorat, Werbung etc., sowie der Gewinn fuer  Verlag, plus den 0,60 Cent fuer den Autor, der nebenbei bemerkt noch versteuert werden muss. Dieses Buch kauft der Handel fuer ca. 6,00 Euro vom Verlag . Bei einem Flopp bekommt der Autor negativ Abrechnungen zum entsprechenden Vorschuss, sofern er denn transparente Abrechnungen erhaelt. Alles in allem macht der Verlag mit seinen Autoren was er will. Kein Geschaeft ist risikofrei, und es sind mind. zwei Seiten, die fuer Erfolg oder Misserfolg verantwortlich sind. Schlecht geschriebenes Buch mit hervorragender Werbung und einwandfreiem Marketing verkauft sich besser, als gut geschriebenes Buch, von dem keiner weiss! Somit schiessen sich die Verlage langfristig gesehen automatisch ins Aus. Arbeiten Autor und Verlag besser und enger zusammen mit konstantem Kommunikationsaustausch, Transparenz und dem gemeinsamen Ziel, naemlich guter Verkaufszahlen waere diese Diskussion gar nicht vorehanden. Sie ist es aber, da scheinbar Autoren ohne Ende unzufrieden sind und sich von den Verlagen verarscht fuehlen.

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  • Ich habe zwei Bücher bei HERDER veröffentlicht. Mit der redaktionellen Betreuung war ich durch meine Lektorin sehr zufrieden. Die Korrektur war allerdings nur mittelmäßig.
    Dass Verlage wenig für Erstautoren tun, wusste ich schon vorher, da ich das Buch „Lies mich“ von Bernd Röthlingshöfer vorher gelesen hatte.

    Außer 80 Presseexemplaren tat der Verlag nichts. Zwei Lesungen habe ich selber organisiert. Aber ich habe mich sehr nach den Tipps in „Lies mich!“ orientiert. Postkarten gedruckt und verteilt. Einen Blog zu jedem Buch erstellt und diese über SocialMedia eifrig verbreitet. So erreichten meine beiden Erstlingswerke dann doch eine ansehnliche Auflage.

    Am meisten bin ich jedoch mit dem Honorar unzufrieden. Den Autor, ohne den es das Buch ja gar nicht geben würde, mit 8 Prozent abzuspeisen, ist lächerlich.
    Meine nächsten Bücher habe ich deshalb als eMail-Kurse und als eBook veröffentlicht. Das ist die Auflage zwar deutlich geringer. Aber da der gesamte Kaufpreis bei mir landet, ist der wirtschaftliche Erfolg viel höher.

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